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INTERVIEWS

 

 

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Prof. Dr. Harald Lesch, Teil 1 Prof. Dr. Harald Lesch, Teil 2 Interview mit Manu
 

 

Interview mit Prof. Dr. Harald Lesch (Teil 2)


Manu:
Wie darf man sich einen Arbeitstag im Leben des Hr. Prof. Dr. Lesch vorstellen?


Prof. Dr. Harald Lesch:
Sonnenaufgang, Mittagessen, Sonnenuntergang. Nein, das kommt darauf an, wann. Im Semester habe ich sehr viel mit Vorlesungen zu tun. Das heißt, ich fange morgens an und halte meine Vorlesungen. Ich bin im Dekanat zur Zeit, ich bin Prodekan von einer Physik-Fakultät, d. h. ich erledige einige Verwaltungsaufgaben, komme ans Institut zurück und habe hier einige Verwaltungsaufgaben zu erledigen, rede mit meinen Studenten, ich habe eine Gruppe von Diplomanten und Doktoranten und wissenschaftlichen Mitarbeitern, d. h. hier gibt's häufig ellenlange Diskussionen über Projekte, die wir momentan fahren, schreibe ein bisschen was, und fahre abends nach Hause. Und das ist es eigentlich. Ich habe ziemlich viele verschiedene Aktivitäten, die parallel laufen. Dann arbeite ich an einem Philosophie-Seminar und an einer Vorlesung und korrigiere einen Artikel, den wir schreiben. Das ist ziemlich unterschiedlich.
 
 


Manu:
Bleibt da noch genügend Zeit fürs Privatleben?


Prof. Dr. Harald Lesch:
Ja sicher, natürlich. Ich arbeite nicht 60 Stunden die Woche.
 
 


Manu:
Gibt es Themen, die Ihnen am Herzen liegen und über die Sie gerne öffentlich sprechen würden, die aber nicht ins Konzept von Sendungen wie „Alpha Centauri“ oder „Lesch & Co.“ passen?


Prof. Dr. Harald Lesch:
Nee. Das, was ich in den Sendungen mache, ist das, was mich interessiert. Das muss ich mal ganz ehrlich sagen. Ich bekomme immer eine ganze Menge Post und versuche auch, die zu beantworten, aber das, was ich mit dem Willi zum Beispiel mache oder in Alpha Centauri - das sind Themen, die mich interessieren. Ich habe eine riesen Liste mit Themen, die ich noch nicht einmal angefasst habe, wo es einfach nur darum geht: "Ja, das muss jetzt mal gemacht werden, darüber müssen wir mal reden". Wenn der Bayerische Rundfunk mich lässt, dann werde ich so lange weiter machen, bis sie mich aus dem Studio rausschieben müssen. Das macht mir ein viel zu großes Vergnügen, diese beiden Sendungen zu machen, und mit dem Willi da so ein bisschen wie die beiden aus der Muppets-Show über die Lage her zu ziehen, sich ein bisschen auf die Schippe zu nehmen.
 
Was ich gern' noch machen würde wie jetzt bei Alpha Centauri - mal gucken, wie der BR dazu steht - ich würde gerne griechische Philosophen vorstellen, auch so 15 Minuten - also da unten beispielsweise in die Nationalsammlung reingehen und sagen: "Hier, das ist der Thales, der hatte damals mit der Philosophie angefangen", und dann aber zu sagen: "Das ist ja der Mensch, der mit dem Wasser angefangen hat. Wie ist das denn mit dem Wasser?...". Das würde ich mal gerne so ein bisschen zusammen bringen, weil ich gemerkt habe: Das, was wir in der Physik machen ist so ziemlich dieses Abarbeiten eines Programmes, das vor 2500 Jahren aufgeschrieben worden ist. Und darüber würde ich gerne reden. Also wenn es darum geht "wie ist das Universum entstanden?", dann muss man eben mit Parmenides sich mal unterhalten und fragen: "Du hör' mal, wie ist das eigentlich mit dem Universum? Das kann doch nicht einfach aus dem Nichts heraus entstanden sein!". Das sind außerordentlich interessante Themen. Das würde ich sicherlich mal anfassen, dass man mal in die Kryptothek geht oder irgendwo hin. Da unten ist ja auch ein schönes drum herum. Und dann mit einer Kamera mal so 'ne viertel Stunde einen nach dem anderen abarbeiten. Das würde mich sehr reizen. Ich kann mir sehr vorstellen, dass es vielleicht auch den einen oder anderen Zuschauer interessiert, weil es auch wieder so ein bisschen diesen Enterhaken in unserer abendländischen Geschichte fest macht: Dahin - und da kommen wir her, da können wir uns auch fest halten dran. Das ist eine Sache, die zieht sich durch 2500 Jahre Geschichte durch, und wir sollten solche Dinge nie vergessen. Ich würde gerne etwas Resonanz hören darauf, ob Leute daran Interesse haben. 
 
 


 Während des Interviews bekam Prof. Dr. Lesch Fanpost...wie jeden Tag.


Manu:
Eines Ihrer Fachgebiete ist die kosmische Plasmaphysik. Ich denke, die meisten Laien können sich darunter überhaupt nichts vorstellen.


Prof. Dr. Harald Lesch:
Das glaube ich! (LACHT) Ein Plasma ist der sogenannte "vierte Aggregatzustand". Wir wissen ja: Es gibt fest, flüssig, gasörmig, und der vierte Aggregatzustand ist, wenn ein Gas so heiß wird, dass die Atome ihre Elektronen verlieren. Das heißt, dann hat man diese positiv geladenen Ionen und die negativ geladenen Elektronen. Jede ordentliche Leuchtstoffröhre, jeder Blitz, jede Hochspannungsentladung ist ein Plasma. Gehen Sie um 14 Uhr nachmittags ins Deutsche Museum, da sehen Sie Plasmen, dass es nur so kracht. Und das Irre ist nun: 99 Prozent des sichtbaren Universums ist in diesem Plasmazustand. Das heißt, Elektromagnetfelder spielen eine außerordentlich große Rolle in der Entwicklung von Gasen. Bestes Beispiel ist natürlich unsere Sonne. Wir können unsere Sonne sehr genau beobachten. Wir sehen, wie diese Ausbrüche passieren, und dass diese Sonne nicht nur ein leuchtender Körper ist, sondern auch ein elektrischer Dynamo. Denn da werden Magnetfelder auf- und abgebaut. Ich beschäftige mich eben sehr stark mit magnetischen Feldern in diesen kosmischen Plasmen, weil diese magnetischen Felder diese Gase zum Leuchten bringen. Nicht sie selber, aber sie zwingen die Teilchen, auf den Feldlinien zu verharren. Wenn man geladene Teilchen dazu zwingt, dann strahlen sie. Dann sind sie sozusagen "sauer" und strahlen ihre Energie ab. Und wenn sie hochrelativistisch sind, also sehr sehr hohe Energien haben, dann strahlen sie sehr viel Energie ab. Das tun sie z. B. in der Nähe von Neutronensternen und schwarzen Löchern. Deswegen gehört die kosmische Plasmaphysik zur sogenannten "Hochenergie-Astrophysik".
 
Das heißt also, wenn ich mich im Spektrum einordnen würde, dann würde ich sagen, was mich interessiert ist Gammastrahlung und Röntgenstrahlung, allerdings nicht Strahlung, die von sehr heißen Gasen kommt, die thermisch sind, sondern von relativistischen Elektronen, die sich z. B. in Magnetfeldern bewegen. Bei Neutronensternen, den stärksten Magnetfeldern, die wir kennen im Universum, spielt das eine wichtige Rolle. Das ist so mein Arbeitsgebiet. In der Öffentlichkeit kann man das sicher nicht so ohne weiteres erzählen, da das alles sehr theoretisch ist, aber es sind weit über 99 Prozent des Universums in diesem Zustand. Es ist eine Grundlagenforschung.  
 
 


Manu:
Die Viele-Welten-Theorie besagt, dass es unendlich viele Paralleluniversen gibt, in denen jeder nur erdenkliche Verlauf der Evolution irgendwo stattfindet. In einer dieser Welten verlasse ich diesen Raum als Ihr bester Freund und in einer anderen fand dieses Interview nie statt. Glauben Sie an die Viele-Welten-Theorie? Leben wir in einem Multiversum?


Prof. Dr. Harald Lesch:
Nein. Das ist eine Sache, mit der kann ich überhaupt nichts anfangen. Ehrlich gesagt, ist das der verzweifelte Versuch, um Gott herum zu kommen. Man versteht nicht, warum dieses eine Universum so wahnsinnig tolle Eigenschaften hat, also versucht man, das mit vielen Universen zu machen. Das ist für mich ein naturwissenschaftlich völlig sinnloser Ansatz, denn andere Universen entziehen sich per Definition einer experimentellen Überprüfung. Also warum sollte ich mir darüber Gedanken machen. Es ist natürlich eine philosophische Frage: Wie geht man damit um? Will man jetzt alles durch viele Welten klären, hat man praktisch so ein Casino - Monte Carlo - wird hier gewürfelt, wird da gewürfelt, und überall sind die Universen am Ackern? Dann bin ich natürlich auch ethisch für nichts verantwortlich. Wenn es hier nicht läuft, dann läuft's in 'ner anderen Welt, also wird's schon irgendwie werden. Die interessantere Aussage ist: "Es gibt nur ein Universum, und wir sollten darüber nachdenken, kann es einen Designer dafür gegeben haben?" Im Übrigen verschiebt die Multi-Welten-Theorie die Frage ja auch nur weiter nach hinten, wer dann zuständig ist für diese ganzen Multiversen. Letztlich sind das eben Grenzfragen, die wir nicht beantworten können. 
 
Die interessante Frage wird sein: "Was passiert, wenn wir sterben?". Wenn es Gott gibt, dann werden wir's ja merken. Wenn es ihn nicht gibt, dann ist das Licht aus. Das mit den Viele-Welten-Theorien halte ich für ein Kapitel, das sehr viele Bücher füllen kann. Aber es ist viel interessanter, sich mit diesem einen Universum auseinander zu setzen. Ich habe mit dem hiesigen Universum und dessen Wunderbarkeiten genug zu tun. 
 
 


Manu:
Einige Besucher von www.wasistzeit.de sind der Meinung, Zeit existiere nur in unseren Köpfen.


Prof. Dr. Harald Lesch:
Zeit ist ein Maß für die Veränderung. Wir alle wissen von uns selbst, dass wir ganz unterschiedliche Zeiten haben. In Zeiten, in denen es uns gut geht, würde man sie am liebsten anhalten, und wenn es einem mies geht, möchte man sie beschleunigen. Sie ist offenbar gnadenlos, aber sie vergeht immer im gleichen Tempo. Ich weiß es nicht. Natürlich ist Zeit eine zentrale Kategorie von Naturwissenschaften. Wir schreiben unsere Differenzialgleichungen immer so auf, dass es Zeitableitungen sind und nicht Ortsableitungen. Aber für die Auseinandersetzung des Einzelnen mit dem Phänomen Zeit, nämlich mit seiner eigenen Zeit, seinem eigenen Verfall, das ist ja das, was uns am meisten antreibt. "Warum werde ich jeden Tag älter?" - das ist eine Auseinandersetzung, die niemandem erspart bleibt. Die können natürlich auch die Naturwissenschaften insgesamt niemandem ersparen. Damit muss man klar kommen, dass man nach einer Weile nicht mehr so aussieht wie mit 20, unter anderem natürlich auch gar nicht mehr so denkt wie mit 20, und vielleicht gar nicht so unglücklich darüber ist, dass gewisse Zeiten eben vorbei sind.
 
Es ist sicherlich so, dass Zeit in uns eine ganz wichtige Rolle spielt, und dass wir unsere eigene Zeit kreieren. Insofern würde ich denjenigen zustimmen, aber es gibt darüber hinaus auch eine Zeit in der Physik. Die ist wesentlich gnadenloser und kälter und ist nicht das, was wir normalerweise unter Zeit verstehen, weil wir in der Physik die Zeit darüber definieren, wie der Grad an Unordnung in einem System angewachsen ist. Das ist nicht das, was die meisten Leute mit Zeit verbinden. Aber ich denke schon, dass Zeit ein außerordentlich objektives Phänomen ist.
 
 


Manu:
Einstein stellte dank seiner allgemeinen Relativitätstheorie fest: "Es gibt keine Gleichzeitigkeit distanter Ereignisse". Welche Konsequenzen hat diese Aussage auf unser Weltbild?


Prof. Dr. Harald Lesch:
Für das Weltbild des Ottonormalverbrauchers eigentlich überhaupt keine. Denn der bewegt sich mit Geschwindigkeiten weit unterhalb der Lichtgeschwindigkeit. Wenn ich also nach Amerika telefoniere, dann ist es nicht so, dass ich da eine Verzögerung habe, weil die 6000 km von uns entfernt sind, denn die Lichtgeschwindigkeit mit 300'000 km/s überbrückt das locker. Wir merken eigentlich überhaupt nie was davon. Wir merken es ein bisschen, wenn wir ein Navigationssystem im Auto haben. Dann müssen wir schauen, dass wir das entsprechend korrigieren, denn bei den Satelliten da oben, die sich außerhalb der Erde befinden, vergeht die Zeit ein bisschen anders als hier unten und das summiert sich im Laufe des Jahres auf eine gewisse Ortsungenauigkeit. Das ist nicht die Heisenbergsche Ungenauigkeit, sondern hat damit zu tun, dass die Zeiten dann wirklich mal genau gemessen werden müssen. Aber für unser normales Leben spielt das überhaupt keine Rolle.
 
Es spielt aber natürlich eine sehr wichtige Rolle für die Naturwissenschaften, denn nur so werden gewisse Experimente überhaupt erklärbar, weil wir die Zeitmessung im einen System und die Zeitmessung im anderen System entsprechend der Relativitätstheorie korrigieren können. Das ist eigentlich das Entscheidende. Ansonsten ist die Relativitätstheorie eine Sache, die NUR ins Universum gehört und nicht auf diesen Planeten. Das muss man schlicht zur Kenntnis nehmen. Was natürlich irre ist, wenn Sie schon die allgemeine Relativitätstheorie ansprechen, das ist die Tatsache, dass Massen den Raum krümmen, und dass man das in unserem Sonnensystem so unglaublich genau messen kann.
 
Im sogenannten "Shapiro-Experiment" schickt man Radarstrahlen auf die Venus, diese reflektiert diese Strahlen wieder zurück, und da wir die Bahndaten der Venus genau kennen, haben wir natürlich einen exakten Erwartungswert, wann diese Radarstrahlen wieder bei uns ankommen sollen. Nun dreht sich die Venus, die etwas näher an der Sonne ist als wir, immer wieder mal so, dass sie gerade am Rand der Sonne steht. Wenn wir also ein solches Radarexperiment machen, dann läuft dieses Radarsignal extrem nah an der Sonne entlang und man kann messen, Radar sind ja elektromagnetische Wellen, wie der Lichtweg dann etwas länger ist als sonst. Das hat eben damit zu tun, dass die Sonne den Raum krümmt. Das Licht läuft dann als Geodäte an der Oberfläche des Raumes entlang und muss in diese Mulde hinein und wieder heraus. Das sind ein paarhundert Nanosekunden, also nicht viel. Aber man kann es messen. Das ist unglaublich. Für mich ist das ein Punkt, das halte ich auch jedem entgegen, der mir mit irgendwelchen gestriegelten und gebügelten Gedankenexperimenten kommt, dass die Relativitätstheorie doch hinten und vorne nicht stimmen kann. Dann erklär' mir das Experiment. Sag' mir, wie soll ich es anders interpretieren als die Veränderung von Maßstäben in der Nähe schwerer Massen. Und das finde ich ungeheuerlich. Oder diese Sache mit der Rotverschiebung, dass die Uhren eben wirklich anders gehen... bitte, wenn es andere Theorien gibt, die besser sind, dann schreibt sie auf! Aber labert mich nicht immer voll damit, dass es alles Quatsch wäre usw. Also das ist eine Sache, die musste ich an dieser Stelle mal los werden.
 
 


Manu:
Darf man dann überhaupt die Frage stellen, ob es in diesem Augenblick entferntes Leben auf anderen Planeten gibt, wenn Gleichzeitigkeit nur in unserer Wahrnehmung existiert?


Prof. Dr. Harald Lesch:
Die Frage darf man stellen. Die Frage ist nur: Wann bekommen wir etwas davon mit? Wenn wir da draußen in den Himmel hinaus schauen, dann sehen wir immer einen Himmel, der schon länger her ist, und damit müssen wir leben. Wir bekommen in diesem Universum nichts anderes angeboten als das, was man unter "Licht" versteht, elektromagnetischer Strahlung. Mit diesem Problem müssen wir uns herumschlagen. Das geht den anderen genauso. Die müssen auch zusehen, dass sie ein bisschen Strahlung von einem Stern kriegen. Das scheint aber die einzige Möglichkeit zu sein, um einen ganz wichtigen Tatbestand im Universum überhaupt zu gewährleisten, nämlich den von Ursache und Wirkung. Kausalität ist eine ganz grundlegende Eigenschaft in diesem Universum. Man möge sich mal vorstellen, wir hätten verschiedene Zeiten - so, wie wir verschiedene Raumdimensionen haben. Wir würden durchdrehen. Wir würden ja ständig mit unserer eigenen Existenz zu kämpfen haben, die sich gerade in einer anderen Zeitzone versucht, auszumerzen. Das machen sich viele von diesen sogenannten Zeitreisenden überhaupt nicht klar, denn wenn wir das wirklich könnten, wäre das eine Katastrophe. Es gibt zwei Möglichkeiten, warum bis heute noch keine Zeitreisenden hier hergekommen sind. Entweder es geht einfach nicht, oder noch viel schlimmer: Die Menschheit lebt nicht lange genug, um genau diese Technologie kennen zu lernen. Aber das würde bedeuten, dass die Zukunft sich schon längst abgespielt hat.
 
 


Manu:
Das SETI-Projekt beschäftigt sich mit der Suche nach außerirdischem Leben, indem wir den Kosmos auf Funksignale abhören, die nicht-natürlichem Ursprungs sind. Macht dieses Projekt überhaupt Sinn, wenn man bedenkt, dass ein Funksignal von einem entfernten Planeten in unserer Milchstraße bis zu uns möglicherweise viele tausend Jahre unterwegs wäre?


Prof. Dr. Harald Lesch:
Es macht Sinn, denn es ist ein außerordentlich interessantes Projekt. Es ist technologisch eine deutliche Herausforderung. Stichwort "Spektograph". Da wurde also ein Millionen-Mehrkanal-Radiospektograph gebaut. Es ist auch eine Frage, die sehr viele Studenten interessiert, ein intellektuell außerordentlich anspruchvolles Projekt. Ganz unabhängig vom Erfolg geht es um eine Frage, die wir uns schon allein deswegen stellen müssen, weil wir auf diese Art und Weise eine ganze Menge darüber herausfinden, was alles nötig war, um UNS auf die Welt zu bringen. Alleine dafür lohnt es sich, nach Außerirdischen zu suchen, wenn wir auch keinen einzigen finden. Das ist eine Spiegelfrage: Wir stehen vor einem Spiegel, und je tiefer wir mit unseren kosmischen Sonden und Teleskopen sehen - auch in unser Gehirn hinein - umso mehr bekommen wir davon mit, wie wir in diesem Universum eingebaut sind, wie wir vernetzt sind, usw. Und dass wir eben nicht irgendwelche völlig hilflosen Stäubchen am Rande einer uninteressanten Galaxie sind, sondern dass das Universum offenbar an einem, möglicherweise sogar an vielen anderen Plätzen, ein riesen Ding dreht. Und da möchte ich schon wissen, auch wenn die Chance noch so klein ist, ob wir nicht irgendwann mal einen Mitbewohner in diesem Universum kennen lernen. Das halte ich schon für sinnvoll. Sinnvoller auf jeden Fall, als sich auf diesem Planeten irgendwelche Waffen zu bauen, um sich gegenseitig abzuschießen.
 
 


Manu:
So wie es wohl sinnvoll wäre, irgendwann eine Expedition zum Mars zu unternehmen.


Prof. Dr. Harald Lesch:
Genau! Ich habe da mal eine Sendung drüber gedreht. Das ist für mich keine Frage der Wissenschaft. Das ist für mich eine Frage der Visionen. Welche Missionen können wir uns denn überhaupt noch leisten? Wollen wir uns da nicht regelmäßig von irgendwelchen Leuten, die von der Finanzierbarkeit reden, unsere Pläne für die Zukunft kaputt machen lassen? Wenn das so wäre, dann würde heute keine einzige Kirche dastehen, wir hätten keine Museen, wir hätten nichts! Wenn diese Finanzfuzzies schon vor 2500 Jahren am Werk gewesen wären, wir hätten keine Akropolis, die ägyptischen Pharaonen hätten sich irgendwie im Sand verscharren lassen, man kann also heilfroh sein, dass diese Typen früher noch nicht so das Wort hatten. Aber von uns wird, wenn wir Pech haben, nicht viel mehr übrig bleiben als die Aldi-Tüte. Die ist unverrottbar und wird in 2500 Jahren auch noch da liegen.
 
Das finde ich ein bisschen bedauerlich, dass wir an wirklich große Visionen nicht mehr heran gehen. Das muss ja gar keine Reise zum Mars sein, sondern wir bauen eine Raumstation auf dem Mond, um erst mal Erfahrung zu sammeln. Wenn wir das geschafft haben, werden so viele Neuigkeiten dabei herauskommen, das wird ein solcher Schub werden - man stelle sich das mal vor: Regelmäßig kommen die Nachrichten vom Mars. Man denke an den Film 2001, wo die regelmäßig einen Spaceship-Verkehr gehabt haben. Das finde ich außerordentlich verlockend. Wir brauchen Visionen solcher Natur, um unsere Probleme hier auf diesem Planeten zu lösen.
 
Kernfusion ist z. B. ein Thema von ähnlicher finanzieller Ausbreitung. Wir müssen da ran. Wir müssen versuchen, Maschinen zu bauen, die uns für geologische Zeiträume Energie zur Verfügung stellen. Es ist einfach schwachsinnig, auf so eine Technologie zu verzichten. Man muss sie aber nicht irgendwie zur alleinigen Technologie machen. Man muss sagen: "Ok, lasst uns Wasserstofftechnologien machen. Lasst uns an die regenerierbaren Energien rangehen." Und gerade Deutschland hätte damit die Möglichkeit, in einer ganz wichtigen Frage wieder eine Weltführerschaft zu erreichen. Sollen doch die Amerikaner weiter Öl verbraten. Die werden irgendwann auch merken: "Hups - das Öl ist aus!".
 
Solche militärischen Auseinandersetzungen, wie sie uns möglicherweise jetzt ins Haus stehen, werden ja nicht aus irgendwelchen moralischen Gründen geführt, weil der Busch was gegen den Hussein hat. Der hat doch was ganz anderes vor. Im Irak gibt es die zweitgrößten Erdölreserven der Welt. Darauf wollen die hinaus. In der Süddeutschen Zeitung steht heute auf Seite 2: "Die Amerikaner verpennen hier eine Technologie, die in den nächsten 50 Jahren von grundsätzlicher Bedeutung sein wird. Nämlich den Zusammenhang von Sonnenenergie, also Fotovoltaik mit Wasserstofftechnologie". Das ist es! Aber dafür braucht man eben Visionen. Man muss über seinen eigenen Tellerrand hinausgucken können und nicht glauben, dass nach einem nichts mehr kommen wird.
 
 


Manu:
Gibt es Ansätze, die interstellare Reisen eines Tages möglich machen könnten?


Prof. Dr. Harald Lesch:
Nein. Überhaupt keine. Die Triebwerkstechnologien, da sind wir noch weit weg von allem. Da fehlen uns die Energiequellen. Wenn man einen Fusionsreaktor hätte, dann hätte man andere Möglichkeiten, hier tatsächlich tätig zu werden. Wenn man einen Reaktor hat, dann kann man auch eine Miniversion davon bauen, und dann könnte man sich unter Umständen mal Gedanken darüber machen, wie man sich mit Plasmatriebwerken, wenigstens im Sonnensystem, in vernünftigen Zeiten bewegen kann. Aber von interstellaren Reisen, davon wage ich gar nicht zu sprechen.
 
 


Manu:
Vielen Dank für dieses ausführliche und interessante Interview!


Prof. Dr. Harald Lesch:
War mir ein Vergnügen.