Zeit-Geschichten
Wie kam das Leben auf die Erde? oder: Wie man sich täuschen
kann! von Silvio Krone
Das leichte vibrieren der „Genesis“
verstärkt noch dieses unangenehme Gefühl im Kopf. Jedes mal wenn er
den Zeitsprung auf der Basis übte, auch wenn er noch so klein war,
erzeugt in seinem Hirn ein dumpfes Grollen, welches seine ersten
Gedanken nach der Stase zu blockieren drohte. Er hat auch jetzt einige
Mühe, sich zu fassen und nicht einfach gehen zu lassen. Elektrisierende
Donnerschläge lassen seinen Körper im Sekundentakt erbeben. Warum hat
er das Gefühl, diese Stromschläge gelten nur ihm? Dann vernimmt er
seinen Namen.
>Kapitän Burg.....Kapitän
Burg.....Kapitän Burg....<
Die quäkende Stimme aus dem Lautsprecher
seines Anzuges zwingt ihn zur Gegenwehr und er muss sich bewegen - erst
den Arm in Richtung Brust und dann einen Finger um den Kommunikator, der
auf seinem Brustbein liegt, zu deaktivieren und alles nur um diese
nervtötende Stimme zum schweigen zu bringen. Diese kleine Bewegung
reicht aber aus, um seinen Wiederstand gegen das Aufwachen zu brechen und
er wird sich schlagartig bewusst, wo er ist und warum er hier ist.
>Genesis-Forscher - verdammt!<,
murmelt er in sich hinein.
Sofort quäkt die Stimme wieder los:
>Ich habe ihre Anweisung nicht
verstanden. Wären sie bitte so freundlich und würden diese
wiederholen? Sie wissen sicher noch, dass ich nicht in der Lage bin, ich
meine nur recht schwer, menschliche Euphorismen ......<
>PI?!<
>Ja?<, kommt die
prompte Antwort aus
dem Mikrolautsprecher.
Mit gespielter Härte in der Stimme gibt
der Kapitän seine erste Anweisung nach dem Sprung an seinen Androiden:
>Halt' einfach nur den Mund!<
Einige Sekunden herrschte Stille und
gespannt wartet Kapitän Burg auf die Reaktion seines Androiden. Er
kennt ihn genau, denn er arbeitet schon seit 37 Jahren mit ihm zusammen.
Noch heute kann er sich genau an den ersten Tag mit ihm, am Institut
für Temporalismus, erinnern. Damals war PI das neuste Modell von
Android. Heute ist er schon ein bisschen in seiner Programmierung
verstaubt, aber immer noch sehr zuverlässig. Kapitän Burg ist ein
Verfechter der „Change never runnig systems“ (kein Mensch weiß,
woher dieser Satz stammt, aber er ist heute sehr weit verbreitet)
Theorie und würde sich um nichts in der Welt von seinem Androiden
trennen. Während er nun gespannt auf die oft weit ausschweifenden
Erläuterungen von PI wartet, beginnt Burg sich aus seinem Anzug zu
schälen und freut sich dabei auf die Dusche und auf die Tasse Tee in
der Kombüse.
>Ich verstehe!<, fängt der Android
wieder zu plappern an,
>Sie müssen nur noch präzisieren!
Soll ich nur mit ihnen nicht reden, oder gilt das für die ganze
Besatzung, aber dann würde ich vorschlagen, dass ich ihren technischen
Berater, den Dr. Saraszewitsch von dieser Regelung ausnehme, da nur er
mit den Daten der Temporalismen etwas anfangen kann, und da ich die
Schnittstelle zwischen Schiff und Besatzung bin, muss ich einen
Ansprechpartner haben. In diesem Zusammenhang darf ich auf die
Dienstvorschrift vom 36.15. 124 nach Normnull- §42/1.1.3 Anhang 12
erinnern, die besagt, dass der Schiffsandroide im Falle einer
tendenziellen Unregelmäßigkeit von mehr von 0,3211% der
Schiffssysteme, die.......<.
Burg hört nicht mehr zu. Er trocknet
sich ab und bekleidet sich mit seiner Uniform. Ein wenig Stolz macht
sich in seiner Brust breit, als er die Ärmel seiner Jacke glatt zieht.
Die 5 silbernen Sterne am Umschlag erinnern ihn an zu Hause und an seine
zwei Töchter. Er erinnert sich an die leuchtenden Augen der Zwillinge,
als er am Tag seiner Beförderung zum ersten mal diese Sterne
präsentierte. An diesem Tag war Papa der größte Held auf der Erde.
Angst kriecht in ihm hoch. Was ist, wenn der „Rückflug“ nicht
klappt? Sie waren sechs Jahre als er Abschied nahm. Laut Planung des
Institutes soll die „Genesis“ knapp zwei Minuten nach dem Start in
der Normalzeit wieder landen. Er würde in dieser Zeit Milliarden von
Jahren unterwegs gewesen sein, aber gerade einmal 710 km von der Erde
entfernt - wenn die Berechnungen von PI stimmen!
PI wurde extra für diese
Mission zwei
Jahre lang von Burg umprogrammiert, um auf alle denkbaren Hindernisse im
Temporalfrakturverfahren regieren zu können. Ein hartes Stück Arbeit,
denn PI hat nur begrenzte Kapazitäten. So musste er ihn so
konfigurieren, dass während den Berechnungen sämtliche Sensorik
abgeschaltet ist, um die Fehlerquote so gering wie möglich zu halten.
Als er den Gang zur Kombüse betritt,
wurde ihm bewusst, dass PI seinen Vortrag über die Interpretation
seines Befehls immer noch nicht beendet hat. Burg stellt sich vor, wie
Pi rundherum verkabelt im Laderaum sitzt und munter vor sich hin redet.
Dieser Gedanke entbehrt nicht einer gewissen Komik und Burg kann ein
breites Grinsen, welches sich über sein Gesicht zieht, nicht
verhindern.
>PI!<, unterbricht Burg den
unaufhörlichen Redeschwall seines Androiden, welcher auch abrupt
schweigt.
>Den Status bitte - kurz und
knapp!<.
>Systemzeit: +15 Minuten von Zeitpunkt
X,
Erdzeit: -2 Milliarden Jahre von
Zeitpunkt X,
Schiff: Alle Systeme in zulässigen
Parametern,
Mannschaft: Alle wohlauf und in der
Kombüse. Ich denke, sie werden schon erwartet.<
An der Schleuse zur Kombüse bleibt Burg
noch einmal kurz stehen. Er hasst diese Augenblicke, bei denen er zeigen
muss, dass er der Chef ist, was ihm aber gar nicht behagt. Ein kurzer
Blick auf seine Uniform und einmal strecken während sein Körper von
der Ferse über den Ballen auf die Zehen wippt. Mit Schwung öffnet er
die Schleuse und steht auch schon zwischen seiner Mannschaft.
Die Gespräche verstummen augenblicklich
und alle schauen ihn nur erwartungsvoll an. Selbst Lisa Moguba, die
wenig von Autorität hält und gegen diese auch mit ihrem afrikanischen
Temperament diskutiert, erstarrt in der Bewegung in dem Moment, in dem
sie gerade einen Schluck Kaffee zu sich nehmen will. Sie ist ein
Kämpfer, was ihr auch den Rang des Exobiologen ersten Ranges
einbrachte. Burg hatte aber immer das Gefühl, dass sie mit ihrer
Karriere nicht zufrieden ist. Ihm sind die Blicke von Lisa aufgefallen,
wenn Burg seine Zwillinge mit ins Institut brachte. Ihm wurde damals
schnell klar, dass Lisa sich nach einer Familie sehnt. Eine
bemerkenswerte Frau!
Die Blicke der Mannschaft zerren an
seiner Person, bis er das Gefühl hat, einsam und nackt zu sein. Genau das
ist dieser Moment, den er hasst. Er wünscht sich, dass sich der Boden
auftut und er versinkt, was aber schlecht möglich ist, da sie in einem
Raumschiff sind und er dann ja im All schweben würde. Burg ertappte
sich bei seinen unlogischen Gedanken und muss unwillkürlich über sich
selbst lächeln. Dieses Lächeln ist das Signal an die Mannschaft, weiter
zu machen. Burg bekommt ein flüchtiges Lächeln zurück gesandt und die
Gespräche werden wieder aufgenommen.
Bei sich denkt Burg: Diese vier
Besatzungsmitglieder sollten nun die Frage der Menschheit klären, wie,
wann und vor allem wo das Leben auf der Erde erschien. War es ein Komet
oder ist es von allein entstanden? Waren Außerirdische am Werk oder ein
Gott? Die Wissenschaftler auf der Erde versprechen sich von den
Ergebnissen endlich auch die Klärung der Frage nach außerirdischem
Leben.
>Bekomme ich auch was zu trinken?<,
fragt Burg mehr zu sich selbst. In diesem Moment springt Blomberg, der
Schiffsingenieur, hinter Burg hervor.
>Ich habe für sie schon Wasser in den
Thermalator gelassen.<, versucht er wie immer Burg zu umgarnen. Es
ist eine Eigenart von ihm, sich ständig mit der „Obrigkeit“ zu
arrangieren, was ihm die soziale Isolierung einbrachte. Es macht ihm
aber nichts aus, denn dieser Mann ist nur mit seiner Maschine
verheiratet und legt keinen Wert auf Kontakte mit Menschen, geschweige
denn möchte er mit ihnen kommunizieren. Blomberg ist glücklich in
seiner Welt.
Mit einem mal fragt Lisa fast panisch und
mit erhobener Stimme in den Raum:
>Wo ist denn Lambert?<. Man merkte
schon bei der Ausbildung im Institut, dass zwischen den Beiden etwas zu
Laufen schien, nur dass sich Lisa Moguba und Bernd Lambert wie
Schulkinder benehmen und sich so nie bekommen können. Sie ist in punkto
Männer mehr als schüchtern. Von ihrer Kämpfernatur ist dann nichts
mehr zu merken und Bernd ist ein leichtfüßiger Holzklotz, der seine
Unsicherheiten mit einem flotten Spruch überspielt, dabei aber oft in
ein Fettnäpfchen tritt. Auch als Sicherheitstechniker zeigt er oft
Leichtfertigkeiten, man könnte meinen, dass er gar kein Interesse an
seinem Job hat und diesen nur wegen der Sonderzulage macht. Trotzdem ist
er ein Genie, wenn es gilt, ein Problem zu lösen. Burg traut ihm sogar
zu, dass er einen defekten Reaktor mit einem Kaugummi und einem
Taschenmesser reparieren könnte.
Dr. Saraszewitsch, der bis zu diesem
Moment still an seinem Tisch saß, sah nur kurz auf und brummt:
>Lambert ist auf dem Urinator<.
Ein leiser Gong aus dem Bordlautsprecher
kündigt eine wichtige Mitteilung an und prompt plappert PI:
>Achtung, wir haben unsere Position
erreicht. Ich möchte alle Mannschaftsmitglieder bitten, ihre Posten
einzunehmen!<
Gleichzeitig mit dieser Ansage öffnet
sich die Schleuse zum Herzstück des Schiffes, die Kommandozentrale. Ins
Halbdunkel getaucht und mit leisem Piepsen und Flirren macht dieser Raum
nicht gerade einen einladenden Eindruck. Ein Schwall abgestandener,
warmer Luft schlägt den Besatzungsmitgliedern entgegen. Langsam, ohne
ihre Gespräche zu unterbrechen, erheben sich die Besatzungsmitglieder
von den Sitzen und schlendern, fast gelangweilt, in die Zentrale. Burg
ist erstaunt über diese Gelassenheit. Er hatte mit mehr Aufregung und
Neugier gerechnet, aber wahrscheinlich ist das Training im Institut an
dieser Gleichgültigkeit schuld.
>Na denn,....< murmelt Burg vor
sich hin und setzt sich als letzter in Bewegung. Als er die Zentrale
betritt, hantieren die einen noch an ihrer Kleidung und die anderen an
den Sitzen herum. Burg stellt sich vor den Hauptschirm und setzt zu
einer kleinen Rede an:
>Also - Leute, ich hoffe, jeder weiß
noch worum es geht? Natürlich wisst ihr das! Aber noch einmal ein Wort
zur Verfahrensweise: Wir sind jetzt bei minus zwei Milliarden Jahre. Wir
werden die Erde von hier aus einen Tag auf Leben scannen. Wenn kein
Leben zu finden ist, springen wir 500 Millionen Jahre zurück in
Richtung Normzeit. Ist auch dann kein Leben zu finden, dann geht es so
weiter, finden wir aber Leben, dann werden wir uns wieder um 250 Millionen
Jahre von der Normzeit entfernen und erneut scannen. Ich denke, dass wir
in spätestens zehn Tagen wieder zu Hause sind<. Burg hebt den Kopf,
blickt an die Decke des Raumes und fährt fort:
>PI, du beginnst jetzt mit der
Berechnung der nächsten Zeitfraktur und wir beginnen mit den
Untersuchungen.<
PI antwortet nach einem Bruchteil einer
Sekunde:
>Ich entkoppele jetzt meine Sensoren
und melde mich dann wieder.<
Burg setzt sich auf seinen Platz und
schaltet den Hauptschirm ein. Das vertraute Blau der Erde füllt die
große Wand an der Kopfseite der Zentrale. Die Form der Kontinente und
Ozeane erinnerte natürlich nicht im entferntesten an die vertraute
Erde. Man erkannte nur große Wolkenformationen und heftige
Gewitterfronten, die sich durch zuckende Blitze verrieten.
Geschäftiges Treiben macht sich in der
kleinen Zentrale breit und Burg fordert nach einigen Minuten das erste
mal der Reihe nach den Status ab.
>Lisa?<
>Bisher kein höheres Leben gefunden,
aber das dauert noch bis ich genaueres sagen kann.<
>Blomberg?<
>Ich habe Unregelmäßigkeiten in
dem Gravitonengenerator, ich muss erst einmal sehen....<
>Dr. Saraszewitsch?<
>Keine Unregelmäßigkeiten um das
Schiff herum, der Mond steht an der vorher berechneten Stelle und ein
Mikro-Meteoritenschauer nähert sich unserem Schiff und wird in 10
Sekunden Kontakt mit uns haben, aber er stellt kein Problem für unseren
Gravitonenschirm dar.<
>Lambert?<
>´tschuldigung, aber ich habe vor
Aufregung.... na ja, ich meine.... mir geht es nicht so gut....ich habe
Durchfall.....habe ich was verpasst?<, kommt die Antwort unerwartet
aus Richtung Schleuse. Burg fährt mit seinem Sitz herum und starrt
Lambert ungläubig, mit offenem Mund an. Wie konnte ihm entgehen, dass
Lambert nicht auf seinem Posten war? Burg versucht sich zu beherrschen,
wobei er die Armlehnen seines Sitzes fest umklammert, und leise - ganz
leise - fragt er:
>Ist der Gravitonschirm
aktiviert?<.
In diesem Moment durchfährt die „Genesis“
ein Vibrieren, wie ein Kranker, der von Schüttelfrost geplagt wird. Dann
folgt ein dumpfer Schlag, dem sich ein unheilvolles Pfeifen anschließt.
Die Luft entweicht zu schnell, da zu viele mikroskopisch kleine Löcher
das Schiff dem All öffnen. Die „Genesis“ beginnt zu trudeln und
verliert unkontrolliert an Höhe. Nur Minuten später verwandelt sich
das Schiff über dem Ozean in der Atmosphäre in einen glühenden
Feuerball, der kurz vor dem Aufschlag an der Küste in viele kleine
Stücke zerspringt. Auch der Urinatorbehälter zerschmettert an einem
Felsen. Sein Inhalt ergießt sich in eine kleine Pfütze am Rande des
Meeres auf der noch jungfräulichen Erde.
Milliarden Jahre später startet ein
Raumschiff mit fünf Besatzungsmitgliedern, um eine grundsätzliche Frage
zu klären......
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