Interview mit Prof. Dr. Harald
Lesch (Teil 1)
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Prof. Dr. Harald Lesch ist Professor
für theoretische Astrophysik am Institut für Astronomie und Astrophysik in
München. Zudem unterrichtet er Naturphilosophie an der Hochschule
für Philosophie, ist Moderator der Fernsehsendung "Alpha
Centauri", schreibt Bücher und hält Vorträge.
Wie man also sehen kann, ist
Hr. Prof. Dr. Lesch ein vielbeschäftigter Mann. Umso mehr freute ich mich
darüber, dass dieses Interview überhaupt zustande kommen konnte. Und
vorweg: Es übertraf alle meine Erwartungen. Dass der 42-jährige allem anderen als
dem gängigen Klischee eines Professors mit autoritärem Gehabe und
besserwissender Manier entspricht, beweist er uns bereits in seinen
TV-Sendungen. Doch wie verhält er sich hinter den Kulissen, wenn weder
Kameras auf ihn gerichtet sind, noch einige seiner zahlreichen Fans ein Auge
auf ihn haben? Ich kann's euch verraten: Er ist genau derselbe! Mit der für
ihn typischen, sachlich- veranschaulichenden und trotzdem humorvollen Art
erzählt er euphorisch von Neutronensternen, riesigen Magnetfeldern und
grünem Schleim. Und so ist es nicht besonders verwunderlich, dass aus
dem ursprünglich geplanten 15-Minuten-Interview wesentlich mehr wurde
und die Zeit trotzdem wie im
Fluge verging :-) Ich habe das Interview aufgrund seines Umfangs in zwei Teile gegliedert.

Es war 10:30 Uhr an einem
Dienstag im Oktober 2002. Die erste
Frage kam gar nicht von mir, sondern vielmehr von Prof. Lesch:
"Möchten Sie eine Tasse Kaffee?" - Und so machten wir uns erst
einmal auf den Weg zur Kaffeemaschine. Gelegenheit für ihn, seine Kollegen
zu begrüßen, die uns auf dem Flur begegneten. Gute Laune am
Morgen ist für Dr. Lesch kein Fremdwort. Zurück in seinem
Arbeitszimmer, begannen wir mit dem Interview...
Manu: Als Astrophysiker beschäftigt
man sich mit Vorgängen, die für Laien nicht immer nachvollziehbar
sind. Neigt man als Physiker nicht manchmal dazu, diese komplexen
Denkweisen in den privaten Alltag zu übernehmen?
|
Prof. Dr. Harald Lesch: (LACHT)
Nein... das tut man nicht. Ich glaube, dass das kein Physiker macht.
Wenn man jahrelang Physik studiert und außerordentlich intensiv
damit beschäftigt ist, all das überhaupt erst mal zu sammeln, was
Physik bedeutet, dann sieht man überall Physik. Das ist ein
bisschen so wie bei schwangeren Frauen, die überall schwangere
Frauen sehen. Man wird einfach sensibel dafür. Aber nach einer
Weile verschwindet das, was an der Oberfläche sitzt, dass man sich
ständig mit Physik beschäftigt. Die Physik verschwindet in einem
irgendwo innen drin. Das ist ein bisschen so wie beim
Klavierspieler: Wenn man lange genug Klavier gespielt hat, dann ist
man in der Lage, sich ohne Vorbereitung an ein beliebiges Piano in
der Bar zu setzen und ein bisschen zu klimpern. Und dann denkt man
nicht nach. Ich glaube sehr viele Physiker, wenn nicht sogar alle,
haben Physik im Blut. Sie haben das in sich drin, ohne dass sie
dabei in ihrem Leben ständig davon geprägt werden und darüber
nachdenken, warum hier alles stabil ist usw. Wenn man nicht Mensch
geblieben ist, hat man erhebliche Probleme. Das gilt ja für alle
Wissenschaftler, wenn sie nicht in der Lage sind, aus ihrer
komplexen Denkwelt heraus zu kommen, und ich kann für mich sagen,
dass das bei mir nicht zu trifft. Aber
es gibt etwas anderes: Physik sensibilisiert einen für Natur im
Allgemeinen. Das heisst, man fängt unter Umständen nach einer
Weile damit an, Phänomene in der Natur ganz anders zu schätzen.
Man wertet sie ganz anders, und auch wieder ohne, dass in meinem
Kopf jetzt irgend ein physikalisches Modell abläuft, sondern
einfach nur: "Wahnsinn...". Für so etwas sensibilisiert
Physik sehr stark. Sollte man nicht meinen, dass sie einen so
starken emotionalen Charakter hat, aber sie hat es. Sich zu wundern,
wie Wolken entstehen etc., aber ohne gleich über eine Erklärung
dafür nachzudenken, denn die könnte man sich ja noch irgendwo aus
dem Hinterkopf holen. Das Wundern und das Staunen taucht mit
zunehmender Dauer meines Lebens als Wissenschaftler immer mehr und
mehr auf.
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Manu: Was
war für Sie ausschlaggebend, dass Sie diesen Beruf ergriffen haben?
|
 Prof. Dr. Harald Lesch: Ich
bin 1960 geboren. Das heißt, als die Amerikaner auf den Mond
geflogen sind, war ich 9. Und heute weiß man, dass Kinder in diesem
Alter außerordentlich empfindlich sind für
Richtungsentscheidungen. Wenn da was wichtiges passiert in ihrem
Leben, dann ist es das, was sie führen wird. Ich bin aufgewachsen
in einer Zeit, in der man der Technik viel zugetraut hat. Die
Zukunftsvisionen der 60er Jahre, wie es im Jahr 2000 aussehen wird,
sind bombastisch gewesen. Ich
bin außerordentlich geprägt worden durch die Amerikanische
Weltraumfahrt. Das hat mich schon sehr früh interessiert und das
waren ja auch Helden - das waren Jungs, echte Bringertypen würde
man sagen, und die waren auch das, was man heute unter
"cool" versteht. Die waren einfach klasse. Und dass die da
hoch zum Mond geflogen, da oben gewesen und gelandet sind, das hat
mich durchgeknetet bis zum geht nicht mehr. Natürlich wäre ich am
liebsten Astronaut geworden, aber das hat nicht geklappt. Da
gab's so eine nette Anekdote am Rande: Ich hatte da einen Brief
geschrieben an die Nasa, mit Passfoto von mir, und ich trage seit
meinem dritten Lebensjahr eine Brille. Und die Nasa schrieb
tatsächlich zurück: "Erstens nehmen wir keine DEUTSCHEN
Astronauten und zweitens keine Brillenträger"... Damit war
für mich der Fall erledigt, aber sie hatten mir empfohlen, ich
solle doch dann Astronom werden. Ich fand diesen Brief unheimlich
schön. Leider Gottes habe ich diesen Brief verloren, als meine Großeltern
umgezogen sind. Ich habe mich dann relativ früh entschlossen,
Physik zu studieren und ich muss sagen (mit leiser Stimme und
leichtem Grinsen im Gesicht): "Ich kann auch nix
anderes".
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Manu: Wenn
ich Sie also richtig verstehe, würden Sie jederzeit wieder diesen
Beruf ergreifen.
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 Prof. Dr. Harald Lesch: Also
was die Inhalte betrifft, ganz sicher! Aber die zunehmende
Bildungsfeindlichkeit in Deutschland, dass man eben beispielsweise
der Meinung ist, wenn jemand weiß, wie die Landeshauptstadt von
Niedersachsen heißt, dann kann er gleich 500'000 Euro in so einem
blödsinnigen Quiz verdienen und das sei wichtiger als z. B. eine
ordentliche schulische Ausbildung, das ist schon erhebliche
Frustration. Wenn man so das Gefühl hat: Wir sind hier so eine
Horde von Knallköpfen, die noch an den Unis hocken und die immer
noch der Meinung sind, Ausbildung und Bildung im Allgemeinen ist ein
Wert an und für sich, der jenseits von aller Anwendung wichtig ist
für uns... und stattdessen heißt es dann immer: Es wird gekürzt!
Die Stellen werden gekürzt, und das frustrierendste dabei ist für
mich, wie meinen jungen Mitarbeitern, meinen Doktoranden, nicht die
Perspektiven eröffnet werden. Dass man eben nicht zu ihnen sagt:
"Wenn du ordentliche Wissenschaften machst, dann kannst du dich
für dein ganzes Leben selber finanzieren, indem du Anträge stellst
bei der Deutschen Forschungsgemeinschaft". Stattdessen dürfen das ab
einem bestimmten Alter nur noch Professoren. Das verstehe ich zum
Beispiel nicht. Ich
bin natürlich heute in der unheimlich privilegierten Lage,
Professor an einer deutschen Universität zu sein. Das ist so
ziemlich die Krönung. Ich hatte lange genug darunter gelitten,
keine Dauerstelle zu haben und so manche Nacht damit verbracht, mir
zu überlegen: "Was machen wir denn jetzt eigentlich...?"
Wenn man Familie hat, und diese ständig von einer Ecke zur
nächsten schleppt ... und dann wird einem gesagt: "Wir haben
hier aber nur einen 3-Jahresvertrag..." Dann habe ich wirklich
mit 35 Jahren gesagt: "Entweder die Stelle kommt jetzt, oder
ich geh' raus aus der Astronomie." Ich hatte mich schon
beworben für eine Stelle an einer Volkshochschule im Rheinland, wo
ich lange Zeit gelebt habe, und da wäre ich dann Fachbereichsleiter
für Naturwissenschaft und Philosophie geworden, und das wär's
gewesen - fertig. Dass das hier in München geklappt hat, das ist
wie Ostern und Pfingsten auf einmal. Damit hätte ich nie gerechnet.
Wenn ich an meinem Büro vorbei gehe und lese dieses Schildchen
"Prof. Harald Lesch", kommt es mir heute noch manchmal so
vor, als könne es nicht wahr sein. Wenn man es mal dorthin
geschafft hat, ist es wunderbar. Aber bis dorthin ist es ein
außerordentlich schwieriger Weg. Unsere
Studenten, die wir so bekommen, sind oft fantastische Schüler. Sie
sind ganz große Klasse, aber sie haben nur eines nicht gelernt,
oder zumindest viele davon: Mit Niederlagen um zu gehen. Das heißt,
wenn die dann mal eine Klausur so richtig danebengesetzt haben, sind
die am Boden zerstört, und zwar nur deswegen, weil die so auf Noten
getrimmt worden sind. Menschenskinder, das ist doch dein Leben! Du
musst doch deine Entscheidung treffen für etwas, das dich innerlich
außerordentlich bewegt. Also soetwas wie Physik macht man nicht, um
mal ein paar Jahre herum zu bringen. Entweder man macht es, weil es
einen interessiert, oder man macht es nicht. Und da bin ich immer
wieder überrascht darüber, wie wenig Freude da nach außen dringt,
warum sie das machen. Ich studiere Physik, weil ich es liebe.
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Manu: In
einem Bericht wurden Sie "der Anti-Däniken" genannt.
|
 Prof. Dr. Harald Lesch: Haha,
also ich kenne den Erich von Däniken persönlich. Er ist ein ganz
wunderbarer Mensch und ich kann nichts böses über ihn sagen. Ich
weiß nicht so genau - wer glaubt mehr an seine Hypothesen - seine
Leser oder er. Aber auf jeden Fall sind seine Hypothesen immer sehr
interessant. Es lohnt sich, sich damit auseinander zu setzen und sie
sind zwar sehr gewagt, aber da könnte ich fast dagegen halten, denn
in der Physik gibt es auch jede Menge gewagter Thesen. Solche
Theorien wie "Stringtheorien und Paralleluniversen" sind
mindestens genauso gewagt wie die Vorstellung, dass hier pausenlos
irgendwelche Außerirdischen landen. Aber ich würde sagen: Erich
von Däniken ist ein außerordentlich interessanter Ideengeber. Es
gibt ja in allen Wissenschaften so etwas wie Standardbilder. Nach
einer Weile haben alle ungefähr das gleiche Bild. Und alles was
gefunden wird, wird versucht, in dieses Standardbild einzuordnen,
und wenn es eingeordnet ist, dann sind alle froh. Im Grunde genommen
ist es aber langweilig. Viel interessanter ist es, einen Widerspruch
zu dem Standardbild zu finden und zu sagen: "Hey, alles
Quatsch!". Und in der Archäologie gibt es natürlich genauso
Standardbilder wie in der Physik auch. Aufgrund von Dänikens
großer Popularität hat man dann ja auch angefangen, sich mit Nazca,
mit diesen Linien zu beschäftigen usw. Für viele Sachen gibt es
naturwissenschaftlich und historisch saubere Erklärungen und ich
denke, dass der Erich von Däniken das auch akzeptiert. Er ist aber
ein außerordentlich charismatischer Redner. Wenn der hier nach
München kommt, dann sind die Hallen voll und die Leute hören sich
das an. Ich bin niemand, der auf dem Herrn Däniken herum hackt. Ich
versuche nur, dagegen zu halten, was ich gerne unter "gesundem
Menschenverstand" zusammen fassen würde. Oft sind seine
Argumente ja so ein bisschen darauf abgehoben: "Das können die
damals überhaupt nicht gemacht haben!". Das ist Quatsch. Die
Leute damals waren auch nicht dumm. Die waren genauso clever wie
wir. Natürlich hatten sie überhaupt nicht die Technologie zur
Verfügung, aber die Jungs und die Mädels waren gut. Wir müssen
uns viel eher fragen: "Warum können wir das heute nicht mehr
tun?". Es gibt ein ganz tolles Beispiel: Die Amerikaner wären
heute nicht mehr in der Lage, eine Saturn 5 zusammen zu bauen.
Sie haben das Handwerkszeug verloren dafür. Die Pläne mag es wohl
noch geben, aber es ist keiner mehr da, der es kann. Das heißt, wir
verlieren über eine relativ kurze Zeit, relativ schnell, relativ
viel handwerkliche Fähigkeiten. Wir wären heute überhaupt nicht
mehr in der Lage, den Kölner Dom zu bauen. Unsere Architekten sind
nicht dazu in der Lage, diese statischen Berechnungen anzustellen.
Selbst mit dem Computer wäre das außerordentlich schwierig. Wenn
wir etwas sehen, das ein paar tausend Jahre alt ist... wir kennen
die Leute nicht, die damals gelebt haben, aber wir wissen eines:
Ihre Gehirne waren genauso groß wie unsere. Warum sollen die nicht
wahnsinnig clevere Methoden entwickelt haben? Wir benutzen in den
Wissenschaften gerne so eine Art von Ahnenverehrung, wie ich finde,
auch völlig gerechtfertigt. Und da gibt es den Satz, dass wir nur
Zwerge sind, die auf den Schultern von Riesen stehen, wenn wir den
wissenschaftlichen Fortschritt so betrachten. Und ich glaube, dass
das häufig unterschätzt wird, und dass wir eben wirklich nur Zwerge
sind. Natürlich sehen wir, welche tollen Geräte wir gebaut haben,
aber auf der anderen Seite haben wir eben auch viel verloren, und
wir sollten nicht unterschätzen: Ein paar tausend Jahre sind eine
verdammt lange Zeit. Wir tun immer so, als wenn das jetzt alles in
den letzten 50, 10 oder 2 Jahren passiert wäre und davor wäre
nichts gewesen, und danach würde nichts mehr kommen.
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Manu: Um
ein Phänomen erklären zu können, suchen wir nach Zusammenhängen.
Wir brauchen Vergleiche, um Beobachtungen besser zu verstehen. Ist
der Mensch überhaupt in der Lage, die Natur zu verstehen?
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 Prof. Dr. Harald Lesch: Das
ist eine sehr gute Frage. Die steht natürlich im Mittelpunkt
sämtlicher naturwissenschaftlicher Beschäftigungen, wenn man
nämlich Phänomene hat, die man nicht einordnen kann. Solange man
alles mit den Gesetzmäßigkeiten, die man bis dahin gefunden hat,
verstehen kann, ist man ja guter Dinge. Dann hat man zumindest das
Gefühl: "Das läuft mir jetzt nicht aus dem Ruder". Aber
ich finde, das ist tatsächlich das Wichtigste, dass es etwas gibt,
was wir verstehen können, in dem Sinne, dass wir eine theoretische
Überlegung angestellt haben über irgend einen Zusammenhang, der
zunächst einmal nur in unserem Kopf war - nur da - und dann auf
einem Blatt Papier. Und dessen natürlichen Wiederschein, also das
Phänomen in der Natur, haben wir noch nicht gekannt, und
tatsächlich: Irgendwann passiert es! Das ist für mich ein Zeichen,
dass wir tatsächlich was verstanden haben, oder wie ich gern sage:
"Wenn die Naturgesetze falsch sind, dann sind sie verdammt gut
falsch". Wovon ich eben gesprochen habe, das ist die Entdeckung
der Neutronensterne. 1967 sind diese Pulsare entdeckt worden, 10 km
kleine Kugeln, und 1931 hat ein Theoretiker, Lew Landau, in Moskau
zum ersten mal darüber nachgedacht: "Könnte es nicht Sterne
geben, die so dicht sind, dass deren Protonen und Elektronen
miteinander zusammenschmelzen zu Neutronensternen?". Das
bedeutet, wir haben da eine ganze Reihe an Jahren dazwischen, in
denen das Phänomen "Neutronenstern" nicht da war. Das
hatten dann andere Leute nachgerechnet und haben überlegt:
"Also wenn es diese Neutronensternen gäbe, dann müssten sie
wahnsinnig starke Magnetfelder haben und sie müssten 10 km groß
sein, und wenn so ein Stern auf 10 km schrumpft, dann müsste er
sich wahnsinnig schnell drehen usw." Da lag also eine ganze
Menge an theoretischem Arsenal da, und dann findet die Jocelyn Bell
1967 im November tatsächlich die Radiosignale, die ersten Objekte
wurden ja am Anfang "Little Green Men 1+2" genannt, und
dann stellte man fest: "Mensch, das sind die damals von Landau
und Oppenheimer und Volkoff announcierten Neutronensterne. Das ist
ein echter Hammer, sowas. Und wenn wir nichts anderes mehr gefunden
hätten im Universum, das alleine zeigt mir, dass wir zumindest bis
zur Kernphysik eine erhebliche Menge an Erkenntnis haben, und zwar
nicht einfach nur gemessen, dann eingeordnet, und Feierabend - Nein,
wir haben tatsächlich etwas verstanden. Das Problem ist nämlich
ein ganz anderes: Das entsteht dann, wenn man diesen nächsten
Schritt macht, also nicht aufgibt bei der Kernphysik mit dem Modell
"Das sind alles Kugeln, deren Kräfte miteinander wirken".
Nein - man findet heraus, dass diese Kugeln noch Unterkugeln haben:
Quarks. Und dass die Protonen und Neutronen sich miteinander
verwandeln können. Möglicherweise haben die Quarks nochmal eine
Unterstruktur usw. usw., und dann landet man bei einem Irrsinn. Man
könnte sich zum Beispiel mal folgendes Experiment ausdenken: Wir
nehmen eine Flasche Cognac. Der Physiker hat jetzt zwei
Möglichkeiten: Entweder er trinkt einen Schluck, oder er beginnt
damit, in diesen Cognac mit Experimenten einzudringen. Er stellt
natürlich fest: Da sind Moleküle drin. Er bricht sie auf und
findet Atome. Dann bricht er die Atomkerne auf, bricht die Quarks
auf und bricht auf und auf und auf und am Ende landet er im Nichts.
Und dann fragt er sich: "Wieso kann mich eine Flasche Cognac
überhaupt besoffen machen, wenn da im Grunde genommen nichts drin
ist?". Da liegt nämlich der Hase im Pfeffer, dass alles, was
wir beobachten, nicht die Summe seiner Teile ist, sondern mehr. Viel
mehr! Dieser Satz stammt von Aristoteles, der darauf hingewiesen
hat, dass es Verbindungen gibt. Das heißt, ein Verständnis der
Natur hat immer was damit zu tun, diese Verbindungen zwischen
verschiedenen Teilen kennen zu lernen. Das ist das Problem. Wir
Physiker neigen ja sehr stark zum Reduzieren. Wir versuchen, ein
Problem möglichst auf etwas handhabbares zu reduzieren, denn damit
können wir umgehen, das können wir berechnen, das können wir
simulieren. Aber ich glaube, je mehr wir reduzieren, umso weniger
werden wir die Welt verstehen, denn ein Verständnis für die Welt
kriegt man nur dann, wenn man das eine tut, ohne das andere zu
lassen. Also das "Erpressen der Natur", wie der Herr
Heisenberg dieses Experiment in der Physik einmal genannt hat, auf
der einen Seite, aber auf der anderen Seite auch zu schauen: Wie
hängt jetzt das eine mit dem anderen zusammen. Und dabei sollte man
eines nicht vergessen: Die Natur hat sich eine Menge Arbeit gemacht,
um uns hervor zu bringen. Ich würde uns nicht als die Krone der
Schöpfung bezeichnen, aber wir sind eine Menge wert - jeder Mensch
- und das bedeutet, dass im Mittelpunkt sämtlicher
wissenschaftlicher Betätigung immer der Mensch stehen muss. Es ist
ganz wichtig, dass man aus dem Erfolg der Naturwissenschaften nicht
das macht, was in der Soziologie unter dem Stichwort "Mc
Donaldisierung" verstanden wird: Dass man nämlich alles nur
zählt. Nach dem Motto: "Wir haben 6 Milliarden Big Mäcs
verkauft" - das sagt nichts über die Qualität dieser Big
Mäcs aus, sondern nur: Sie sind eben 6 Milliarden mal über den
Tisch gegangen. Also das Qualitative - der Wert - muss vor
der Zahl stehen.
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Manu: Ist
die Philosophie für die Wissenschaft von Bedeutung? Wie groß sind
die Grenzen zwischen beiden und ergänzen sie sich vielleicht sogar
gegenseitig?
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 Prof. Dr. Harald Lesch: Ich
habe da meine ganz persönliche Erfahrung gemacht. Seit ein paar
Monaten bin ich an der Hochschule für Philosophie. Ich bin dort
beauftragter Professor für Naturphilosophie, weil ich mit dem
Kollegen von dieser Hochschule ein paar Seminare zusammen gemacht
habe und die Studenten das sehr gut fanden, das von zwei Seiten mal
zu hören. Das waren immer gemischte Seminare zwischen
Naturwissenschaftlern, also Studenten, die Physik, Mathematik,
Biologie oder Chemie studieren und auf der anderen Seite welche, die
Philosophie im Hauptfach machen. Eine irre Geschichte! Es gab
außerordentlich interessante Diskussionen und heftige
Auseinandersetzungen. Ich für meinen Teil könnte mir gar nicht
mehr vorstellen, ohne Philosophie Naturwissenschaften zu betreiben.
Das ist für mich nicht denkbar. Ganz kritisch gesprochen würde ich
sagen, dass Naturwissenschaft ohne Philosophie eine blanke Aufnahme
von Daten ist, ohne wirklich die Frage zu stellen: "Was
bedeutet es eigentlich?". Also dabei geht es wieder um das
Menschenbild, und warum jemand so etwas macht. Ich halte Philosophie
für eine sehr wichtige Sache. Ich bin außerordentlich skeptisch,
wenn es darum geht, Sprachphilosophie zu betreiben, also Texte
auseinander zu nehmen usw. Im Wesentlichen ist es doch das, was die
"Vorsokratiker", die griechische Philosophie, gemacht hat.
Die ganz klassische Philosophie ist das, was man "Physik"
nennt. Dass die Physik sich von der Philosophie unabhängig gemacht
hat, das hatte ja ganz andere Gründe - historische Gründe - weil
die Philosophie sehr stark in die theologische Ecke reingerückt
ist, und diese Durchmischung von Theologie, Philosophie und
Naturwissenschaften war eine ganze Weile lang ein ganz zentrales
Thema von jedem Intellektuellen, zumindest in der westlichen Welt,
und ich bedauere es sehr, dass das so auseinander gegangen ist. Ich
muss ehrlich gestehen, ich habe schon viele wunderbare Gespräche
und Konferenzen erlebt, an denen Theologen, Philosophen und
Naturwissenschaftler teilgenommen haben. Das ist außerordentlich
erfreulich, nicht zuletzt deswegen, da sich niemand profilieren muss
mit dem anderen. Das sind Leute, die häufig auch gute Freunde
werden durch solche Konferenzen. So ist es bei mir passiert. Den
Kollegen Christian Kummer habe ich dort kennengelernt. Wir
waren bei einem dieser Workshops nebeneinander gesessen und haben
dann festgestellt: Wir arbeiten beide in München und kommen
unglaublich gut miteinander aus. Ich will das nur sagen, weil ich
nicht gerne fordere, dass man das so formalisiert, alles müsse
interdisziplinär werden, sondern das ist für mich nur wieder ein
Beispiel dafür, dass Menschen miteinander agieren. Und wenn die
miteinander können, dann können die tollsten Dinge passieren. Und
ansonsten kann man von oben verordnen, was man will - wenn die Chemie
nicht stimmt, passiert da nix. Ich bin darüber sehr sehr
glücklich, dass ich das wirklich machen kann - dass ich an dieser
Hochschule für Philosophie arbeiten kann - dass ich mit meinem
Freund Willi Vossenkuhl, der Philosoph an der LMU ist, was zusammen
machen kann, wir machen demnächst ein Seminar über Determinismus
und Willensfreiheit - dass ich diese Universität als akademische
Landschaft nutzen kann... wo gibt's jemand interessanten, was ist
das für eine Person, erzähl mir was, ich will was hören... das ist
irre, was sich da tut! Und es wird viel zu wenig in Anspruch
genommen, da sehr viele, glaube ich, gerne etwas erzählen über
das, was sie machen, und das auch sehr gut können.
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Manu: Lässt sich die Wissenschaft
häufig von Emotionen leiten?
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 Prof. Dr. Harald Lesch: Ganz
ausgeschlossen sind Emotionen natürlich nie. Man kann sich noch so
gut davor in Acht nehmen. Natürlich hat man seine Vorstellungen,
man hat seine Wünsche, und manchmal ist es auch außerordentlich
kriminelle Energie, die dazu führt. Wir haben jetzt gerade den Fall
mit dem Herrn Schön, wo offenbar in erheblichem Maße
experimentelle Ergebnisse gefälscht worden sind. Dieser Herr wäre
fast noch Bankdirektor geworden. Also es ist schon problematisch.
Ich kann mir durchaus vorstellen, dass man sehr lange an einem
Ergebnis hängt, weil man der Meinung ist, das würde gewissen
ästhetischen Grundsätzen besser entsprechen als andere Sachen. Und
deswegen weigern sich auch manche Kollegen, sich mit der sog.
"Wald- und Wiesenphysik" zu beschäftigen, weil die eben
überhaupt nicht mehr ästhetisch ist. Es ist sicher so, dass das
eine ganz wichtige Rolle spielt. Interessant ist es natürlich dann,
wenn das persönliche Gefühl von Ästhetik und Schönheit sich dann
tatsächlich auch in der Natur wiederspiegelt, also
Symmetrieüberlegungen anzustellen und dann zu sehen: "Da
steckt ja tatsächlich was dahinter". Das ist dann natürlich
ein persönlicher Kick, wenn man sich so persönlich bestätigt
fühlen darf. Aber ich würde sagen, das ist nicht unbedingt
Voraussetzung dafür, dass man erfolgreich Physik machen kann. Aber
eine interessante Frage.
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Manu: Die Naturwissenschaftler
sind auf der Suche nach Erklärungen dafür, warum unsere Welt so
ist, wie wir sie wahrnehmen. Ist unsere Welt überhaupt erklärbar?
Oder tun sich für jede Antwort, die wir finden, nicht automatisch
neue Fragen auf? Beißt sich da die Katze nicht in den eigenen
Schwanz?
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 Prof. Dr. Harald Lesch: (LACHT)
Jaja... das
ist eine interessante Frage, die sich in letzter Zeit häufig
gestellt wird, und die in letzter Zeit auch häufig zu ganz
unterschiedlichen Antworten geführt hat. Da gibt es z. B.
eine Bewegung in den Naturwissenschaften, die die Hypothese aufstellt,
die Naturwissenschaften werden irgendwann mal in ihrer
Grundlagenforschung am Ende sein, weil sie durch ihre Erfolge - also
der immer deutlicher werdenden Verbesserung ihrer Messmethoden - auf
einmal an einem Punkt angekommen ist, wo sie praktisch nur noch das
Rauschen misst, aber nichts mehr sonst. Das stimmt natürlich bei
etlichen Quantenexperimenten in der Tat auch. Irgendwann ist einfach
Feierabend. Da sagt uns die Heisenbergsche Unschärferelation
einfach: "Vergiss es, jetzt ist Schluss". Das heißt also: Dinge, von
denen wir leben in den Naturwissenschaften, nämlich dem Unterschied
zwischen Ursache und Wirkung, lassen sich irgendwann nicht mehr
auseinander nehmen. Auf der anderen Seite stimmt aber auch, dass
jede Frage praktisch mindestens eine, wenn nicht sogar zwei oder
drei Fragen wieder aufmacht. Man ist hier gerade mal irgendwo
zuende, und schon reißt es an einer anderen Stelle wieder auf. In
der Astronomie ist es manchmal noch schlimmer, nämlich dass
dadurch, dass eine neue Beobachtungstechnologie zur Verfügung
steht, auf einmal sich der Blick völlig verändert. Das Alte bleibt
zwar bestehen, aber es gibt auch neues. Es wird nochmal drauf gelegt
und erhöht den Grad der Komplexität wahnsinnig. Und dann steht man
da und muss wieder etwas neues versuchen. Das scheint der
Wissenschaft wohl innewohnend zu sein, diese ewige Fragerei. Aber
wir haben eine ganze Menge erfahren und ich glaube nicht, dass es
irgendwann zum Ende der Physik bzw. Naturwissenschaften kommt. Da
gibt's viel zu interessante Dinge, denn man könnte ja auch vom
Anfang des Universums mal wieder etwas weggehen und sich um Dinge
kümmern, die beispielsweise etwas mit Komplexität zu tun haben,
also Nichtlineare Systeme und so etwas. Ich habe da jedenfalls keine
Bedenken, dass uns das verrückt macht.
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Manu: Nach wie vor sucht man
vergeblich nach einer Erklärung für die Schwerkraft in der
Quantenphysik. Wird in diesem Bereich weitergeforscht, oder ist die
dunkle Materie ein Thema, das den Astronomen weitaus mehr
Kopfzerbrechen bereitet?
|
 Prof. Dr. Harald Lesch: Es
gibt ein riesiges Problem, und das ist das Problem der
experimentellen Überprüfung von Theorien in diesem Bereich. Wir
haben so gut wie keine Möglichkeit, da Theorien zu machen. Um
wirklich an die Längenskalen heran zu kommen, wo Quantenmechanik
und Gravitation miteinander verschmolzen werden müssen, müsste man
Kräfte entfesseln, die völlig außerhalb unserer Möglichkeiten
sind. Denn wir reden hier über die Urkraft, die das Universum zur
Expansion getrieben hat und immer noch treibt. Das heißt, wir
können hier nur Theorien anstellen. Und das ist das große Problem.
Wir haben zur Zeit keine Möglichkeiten, experimentell, also durch
Beobachtung, hier irgendwelche Hinweise zu liefern. Die dunkle
Materie ist auf Beobachtungen zurück zu führen, und da kann man
drüber nachdenken "um was handelt es sich, wie
passt das mit anderen Beobachtungen zusammen" etc. Insofern
ist sie eine feine Sache, denn man kann ihre Wirkung
beobachten. Sie ist natürlich in anderer Hinsicht eine
außerordentliche Kränkung für die Astonomen und die Physik, weil
wir überhaupt keine Ahnung davon haben, um was es sich handelt. Wenn es um die Vereinigung von Quantenphysik mit der Gravitation
geht, dann ist es so, dass die Öffentlichkeit durch unglaublich
viele Sachbuchautoren sehr sensibilisiert worden ist. Ob das dann
der Spiegel ist, der auch noch einen drauf legt: "War Gott ein
Quantenphysiker", oder "Hawking und Gott..." und was
weiß ich noch alles. Da wird der Eindruck erweckt, dass jeder an
diesem Thema arbeitet. An diesem Thema arbeiten nur außerordentlich
wenige Leute, im Grunde so gut wie niemand im Vergleich zu der
Anzahl an Leuten, die an anderen Themen arbeiten. Die große
Vereinigung von Feldtheorien ist, was die Elementarteilchenphysik
betrifft, gerade dabei, zu versuchen, die elektroschwache
Wechselwirkung, also die vereinigte elektromagnetische und schwache
Wechselwirkung, mit der starken Wechselwirkung zu vereinigen. Da
hofft man gerade, die Teilchen zu finden. Aber der letzte Schritt
ist noch nicht getan. Und das ist ein interessanter Punkt. Da merken
nämlich die Elementarteilchenphysiker, dass sie an einer Stelle
ankommen, wo ihnen die Experimente einfach ausgehen. Die können
keine Beschleuniger mehr bauen, die von hier bis zum nächsten Stern
gehen oder so ähnlich. Das sind aber die Energien, die man braucht,
um diese Kräfte zu entfesseln, die da notwendig wären. Und ich
glaube, dass genau das ein Gebiet ist, weshalb die Diskussion über
das Ende der Naturwissenschaften immer wieder in die Schlagzeilen
kommt, weil die Elementarteilchenphysik der Teil der
Physik sein wird, der tatsächlich an ein Ende kommt. Das heißt, es
können bestimmte Fragen zwar noch gestellt werden, aber es können
keine experimentellen Überprüfungen mehr durchgeführt werden. Das
ist das allerschlimmste, was einem Naturwissenschaftler passieren
kann: Dass er anfängt, sich nur noch mit Theorien zu beschäftigen,
"L'art-pour-l'art" - Kunst für die Kunst - ohne jede
empirischen Anwendungen. Das ist eine absolute Katastrophe. Und
deswegen interessiert diese ganze Quantenkiste außer ein paar
Freaks niemand. Aber in der Astronomie sind wir momentan in einem
goldenen Zeitalter, weil die Technologie so irrsinnig geworden ist,
dass wir Dinge sehen können, wovon wir früher nicht mal träumen
konnten. Aber das wird zuende gehen. Darüber müssen wir uns im
Klaren sein. Dann muss es wieder andere Fragestellungen geben, die
damit zu tun haben, wie Planeten entstehen, wie Sonnensysteme
entstehen usw., denn da sind wir noch weit hinter den Daten
hinterher.
|
Manu: In
einer Ihrer Sendungen waren Sie der Meinung, es gäbe kein Wasser
auf dem Mars. Gibt es da mittlerweile neuere Erkenntnisse?
|
 Prof. Dr. Harald Lesch: Es
gibt neuere Erkenntnisse, und es scheint Wasser auf dem Mars zu
geben. Allerdings muss man sich auf der Zunge zergehen lassen, wie
die das gemessen haben. Das wurde mit Gamma-Spektrographen gemessen.
Das heißt, man hat die Gammastrahlung aufgenommen. Die entsteht nur
deswegen, weil die kosmische Strahlung auf die Oberfläche des Mars
donnert und dort mit Wassermolekülen reagiert. Das ist eine
außerordentlich perverse Methode, um Wasser festzustellen. Bei
einem normalen Planeten würde man ganz anders vorgehen. Aber beim
Mars ist eben alles außerordentlich lebensfeindlich, weil dieses
Vieh zum Beispiel kein Magnetfeld hat. Das heißt, diese Strahlung
bombardiert ihn gnadenlos. Aber offenbar gibt es Wasser unter seiner
Oberfläche. Das ist ein wichtiger Punkt, den man ab
und zu mal sagen muss, dass man als Naturwissenschaftler im
Gegensatz zu Politikern offenbar, die das Recht nicht haben, sich
manchmal widersprechen muss. Man hat die Pflicht, auch mal zu sagen:
"Ok - damals waren wir der Meinung es gibt keins und heute
wissen wir, dass es so ist". Ich fühle mich da nicht irgendwie
tief deprimiert und sorgenschwer, sondern das ist wunderbar und so
ok.
|
Manu: In Science-Fiction-Filmen
werden außerirdische Lebensformen meistens sehr menschlich
dargestellt, und wie Sie selbst zu sagen pflegen: „Der Außerirdische
ist auch nur ein Mensch“. Ist es nicht wesentlich
wahrscheinlicher, dass sich das Leben auf einem anderen Planeten
unter anderen Bedingungen wesentlich von dem unterscheidet, wie wir
es von der Erde her kennen?
|
 Prof. Dr. Harald Lesch: Man
darf eines nicht unterschätzen: Das Leben, das wir sehen auf
unserem Planeten, ist das Resultat aus drei- bis viereinhalb
Milliarden Jahren Erfolgsstory. Alles, was wir hier auf diesem
Planeten sehen, ist eine Erfolgsgeschichte. Das heißt: Auf unserem
Planeten sind die Dinge so wie sie sind, weil wir einen Stern haben,
der relativ angenehme Temperaturen produziert, weil wir eine
Atmosphäre haben, die neben dem Stickstoff aus einem
außerordentlich aggressiven Gas besteht, dem Sauerstoff. Wir
Lebewesen an der Oberfläche haben uns daran gewöhnt und bestimmte
Sensoren entwickelt. Nun, gucken wir uns den Außerirdischen an,
dann entscheidet bereits die erste Weggabel darüber, wie dieses
hochentwickelte Lebewesen irgendwann einmal aussehen wird. Und das
ist die Frage - aus welchen Atomen werden Lebewesen auf anderen
Planeten aufgebaut sein? Es gibt eine Definition von Leben, die
nicht bestritten wird. Das ist nämlich, dass es sich um
organisierte Materie handelt, die sich selbst reproduziert. Um
diesen Reproduktionsakt zu vollziehen, muss Information von der
bereits strukturierten Materie auf die noch nicht strukturierte
Materie irgendwie übertragen werden. Und das scheint in der Tat nur
möglich zu sein mit Kettenmolekülen. Bestes Beispiel ist die Form
von Wassermolekülen. Da hat man also einen elektrischen Dipol, der
hat 105°, und dieses Wassermolekül führt nun dazu, dass die
anderen Wassermoleküle, die eben auch elektrische Dipole sind, sich
in einer gewissen Art und Weise anordnen. Das heißt: Schon die
Eigenschaft von Wasser enthält Informationen, schlichtweg deswegen,
weil die Moleküle nicht wie beim Schwefelwasserstoff wie eine
Hantel aufgebaut sind. Deswegen ist Schwefelwasserstoff bei den
normalen Temperaturen eben auch nicht flüssig, sondern längst
zu Gas geworden. Beim Wasser haben wir es also mit einem Dipol zu
tun, und das ist so eine Form, bei der die
Wasserstoffbrückenbildung dazu führt, dass Kettenmoleküle sich
stärker verbinden können. In der DNA z. B. hängt die
Wasserstoffbrückenbindung wie so eine Art Leitersprosse dazwischen. Das
heißt, wir müssen danach fragen: Welche Atome können
Kettenmoleküle bauen? Und da gibt es nur zwei im Periodensystem.
Und dieses scheint vollständig zu sein. Es gibt keine Elemente, die
uns da fehlen. Das eine ist Kohlenstoff, das andere Silizium. Nehmen
wir unseren Planeten als typisches Beispiel für einen Planeten, auf
dem Leben entstanden ist. Auf diesem Planeten gibt es viel mehr
Silizium als Kohlenstoff. Aber wir atmen nicht Siliziumoxid aus,
sondern Kohlendioxid. Das ist auch gut so, denn wir beide hätten
hier erheblich zu tun, mit dem ganzen Sand fertig zu werden, den wir
da ausatmen. Der Grund dafür ist natürlich letztlich in der Physik
zu suchen. Siliziumketten funktionieren nur bei sehr niedrigen
Temperaturen. Und die Chemie bei sehr niedrigen Temperaturen, das
weiß jeder bei seiner Gefriertruhe, ist sehr langsam. Damit hat
sich der Fall erledigt. Und zudem finden wir eben jede Menge
Kohlenwasserstoffverbindungen im Weltraum. Also selbst da draußen,
wo alles eklig ist: Kohlenstoff ist es! Wenn es Kohlenstoff ist,
dann wissen wir auch den Energiebereich, den der Stern haben muss,
damit Kohlenwasserstoffverbindungen überhaupt existieren können.
Wir können das nicht in einem Stern haben, der UV-Strahlung in
seinem Maximum hat, wir können es auch nicht in einem Stern machen,
der zu infrarot ist, also zu schwach. Und das ist genau so ein Stern
wie die Sonne. Man kann eine ganze Reihe von Argumenten finden,
warum wir uns nicht wundern sollen, dass die Katze ihre Löcher da
im Fell hat, wo sie ihre Augen hat, bzw. warum wir hier sind.
Offenbar ist das alles außerordentlich gut aufeinander
eingerichtet. Ein Stern, der so ähnlich eingerichtet ist wie die
Sonne, der also sein Maximum im gelbgrünen Licht hat, mit einem
Planeten, der in der richtigen Entfernung ist usw., der wird
bestimmte Temperaturen erzeugen. Und dann wird's interessant. Wenn
nämlich dieser Planet etwas zu schwer ist, dann gast er zu viel
aus. Dann ist der Druck auf die inneren Steine zu groß und es
bildet sich zu viel Kohlendioxid. Kohlendioxid erzeugt den
Treibhauseffekt, und das wissen wir alle, das hat keinen Wert. Er
darf auch nicht zu klein sein, sonst verliert er zu viel
atmosphärisches, wie beim Mars. Wenn es Marsmännchen gäbe, dann
hätten die einen Brustkorb wie einen Container. Das alles führt
dazu, dass wir versuchen, in die Nähe von irdischen Zuständen zu
kommen. Warum sehen wir so aus? Wir haben Augen, um uns vernünftig
zu orientieren. Wir sind genau in dem Bereich empfindlich, in dem
die Sonne ihr Maximum hat, und wir haben Ohren, weil wir in einem
Medium existieren, das Schallwellen überträgt. Das macht auch
Sinn. Nicht nur zur Orientierung, sondern auch zum Austausch von
Informationen. Ich will damit nur wiederholen, dass wir gar nicht so
weit entfernt sind von, ich will jetzt nicht sagen, einer Art
08/15-Schnitt der Lebewesen. Aber wenn es auf einem Planeten
überhaupt gelingt, dass Lebewesen sich aus Einzellern überhaupt
gebildet haben, was immer noch die Frage ist, dann kann ich mir gut
vorstellen, dass die irgendwie so ähnlich aussehen. Vielleicht
haben die ein paar Finger mehr oder so was, aber dass z. B. irgend
ein Lebewesen zwei Gehirne hat, halte ich für außerordentlich
problematisch. Dann sind die ewig im Widerstreit miteinander, und
das ist sicherlich schwierig. Oder wenn ein Lebewesen einen
Stoffwechsel hat, wo es pausenlos fressen muss wie verrückt, das
ist auch nichts. Also es werden sich da schon die Erfolgsrezepte
durchdeklinieren und irgendwas bleibt dann übrig. Irgendwie werden
sie schon aussehen. Aber ich kann mir sehr gut vorstellen, dass wir
sie erkennen können. Das ist wichtig: Dass wir sie als Lebewesen
erkennen können und dass es sich nicht um Steine handelt, die alle
600 Millionen Jahre mal mit dem Auge blinzeln und dann eine riesen
Geschichte erzählt haben. Ich glaube auch nicht, dass Gaswolken
lebendig sind, obwohl es solche Theorien gibt.
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Manu: Glauben Sie ganz persönlich
an die Existenz außerirdischen Lebens in unserem Universum?
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 Prof. Dr. Harald Lesch: Ja!
Grüner Schleim! Grüner Schleim in Hülle und Fülle, aber komplexe
Lebewesen halte ich für ausgeschlossen selten. Ich bin ganz
sicher, dass es Planeten gibt, die so ähnlich wie die Erde sich um
einen ähnlichen Stern herum drehen und Materie sich organisiert
hat, also anorganische Materie zu organischer, und es bis zu
richtigen biochemischen Prozessen durchgeschafft hat. Aber dann
wird's schwierig. Wenn wir unseren Planeten anschauen, er ist
perfekt für Leben ausgerüstet, und es hat MILLIARDEN Jahre
gedauert, bis es endlich mal geklappt hat. Wir haben wirklich viel
Dusel gehabt. Ich glaube, dass es viele Planeten im Universum gibt,
wo grüner Schleim ist, und dass er relativ häufig auch ruckzuck
wieder verschwindet, weil der Planet bombardiert wird, oder warum
auch immer.
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Manu: Ist
es dann überhaupt von Bedeutung, ob dieses Leben von intelligenter
Natur ist?
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 Prof. Dr. Harald Lesch: Es
wäre natürlich der Triumph, wenn wir überhaupt Leben fänden, wie
z. B. mit dem "Projekt
Darwin". Da wird ja in etwa 20 Jahren nach Ozon gesucht.
Ozon ist eines der ganz wichtigen Moleküle, das darüber verrät,
dass auf einem Planeten Biochemie sich abspielt. Wenn man da was
fände, das wäre ein Triumph, denn das würde bedeuten, wir
können wirklich über Leben etwas sinnvolles aussagen. Unsere
Vorstellungen darüber würden sich auf andere Planeten übertragen
lassen. Das wäre natürlich ein riesen Nagel für uns, dass wir
unsere Plakette an die Tür der menschlichen Geschichte hängen
könnten. Das wäre fantastisch! Aber in der öffentlichen Debatte,
da interessiert sich kein Mensch für den grünen Schleim. Man will
natürlich die Lichtwesen haben, die ihre Patentrezepte über uns
ausschütten. Das ist es doch, was wir uns von ihnen erhoffen. Wenn
man sich vorstellt, hier würde ein Raumschiff herkommen und dann
kämen da irgendwelche Regenwürmer raus....das will man doch nicht.
Das wäre doch widerlich.
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Manu: Die
Erde hat im Laufe ihrer Evolution unzählige Versuche unternommen,
sie erfolgreich mit Leben zu besiedeln (Beispiel: Dinosaurier). Kann
man davon ausgehen, dass die Menschheit die letzte Phase in der
Entwicklung unserer Erde ist?
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 Prof.
Dr. Harald Lesch: (LACHT)
Nein! Auf keinen Fall! Dafür sind wir viel zu kurz auf diesem
Planeten, um auch nur annähernd darüber nachdenken zu dürfen. Wir
sind möglicherweise diejenigen, die das Licht ausmachen, wenn wir
so weiter machen. Aber ich denke, da wird man schlicht und
ergreifend nach einer Weile von Jahren zur Kenntnis nehmen müssen,
dass der Mensch ein Teil der Natur ist, und dass die Natur ihn
vertreiben wird. Und wir sind sicher nicht der Weisheit letzter
Schluss. Das glaube ich nicht.
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